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Verfahrenstechnik – Vielseitigkeit ist unser Luxus!
Verfasst von Sabine Fernau am 11. Februar 2012 - 15:22
Irina Smirnova, Professorin für Verfahrenstechnik an der TUHH und Leiterin des Instituts für Thermische Verfahrenstechnik hat zum zweiten Mal am Speed-Dating der Initiative NaT teilgenommen. Nach vier Dates mit rund 30 Oberstufenschülern und vielen Einzelgesprächen hatte die gebürtige Russin immer noch genug „Speed“, um sich den Fragen der NaT auf der Bühne zu stellen.
NaT: Sie sind Deutschlands jüngste Professorin im Bereich der Ingenieurswissenschaften: Wie haben Sie das geschafft?
Für alle, die mich jetzt nicht live erlebt haben, muss ich dazu erklären: Ich bin ein Kind der Globalisierung. So schnell wird man das wahrscheinlich auf einem geraden Weg nicht schaffen, aber dadurch, dass ich das Land gewechselt habe, ging das. Das Abitur hat man in Russland zu der Zeit in zehn Jahren absolviert, danach habe ich ein schnelles Studium gemacht – und das habe ich tatsächlich auch mir zuzuschreiben und nicht dem System. Nach dem Studium bin ich nach Deutschland gekommen, habe zwar alles recht schnell geschafft, aber nichts übersprungen, nichts ausgelassen und deshalb denke ich, das ist grundsätzlich machbar. Aber wenn man mit 37 Professor wird, reicht das auch aus.
NaT: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Verfahrenstechnik zu studieren?
Zunächst habe ich in Sankt Petersburg Physikalische Chemie studiert. Darin wollte ich auch promovieren, aber dann hat mir ein deutscher Professor, ein Verfahrenstechniker, nahe gelegt, es mal in seinem Bereich zu versuchen. Das hat mir tatsächlich sehr gut gefallen, nicht nur im kleinen Kolben zu arbeiten oder auf dem Papier eine Reaktion aufzuschreiben, sondern eine Anlage auszulegen, die jährlich hunderttausend Tonnen produziert. Das ist ein tolles Gefühl – und eine spannende Verbindung zwischen dem naturwissenschaftlichen Part, der Chemie, und Technik.
NaT: Warum ist die Verfahrenstechnik heute und auch in Zukunft wichtig für uns?
Die Zeiten ändern sich, aber eines bleibt: Wir brauchen Rohstoffe und wollen daraus zu einem vernünftigen Preis Produkte machen. Die Frage, wie ich den Prozess gestalte, das klärt die Verfahrenstechnik. Übrigens der einzige Bereich, der in der Wirtschaftskrise nicht von einem Einstellungsstopp betroffen war!
NaT: Sie haben sich für eine Karriere an der Universität entschieden. Wie unterscheidet sich diese von einer Karriere in der Industrie?
Das ist schon ein deutlicher Unterschied. Der akademische Weg in Deutschland sieht so aus: erst das Studium, danach die Promotion, in der Regel drei bis fünf Jahre. Anschließend leitet man eine Gruppe oder geht in die Industrie und kommt zurück als Professor, so etwas gibt es auch. Die Entscheidung akademischer Weg oder Industrie stand mir auch bevor: Ich muss sagen, als ich geheiratet habe, habe ich wesentlich weniger Zeit gebraucht, um Ja zu sagen. In der Industrie geht es sehr viel ums Geld, man muss bereit sein, kurzfristig an sehr vielen Projekten zu arbeiten. Das ist auch interessant, man lernt sehr viel kennen, aber man kann den Dingen nicht so auf den Grund gehen. Wer mehr in die Tiefe gehen will, ist an der Universität richtig. Wer lieber heute etwas realisiert, was morgen gekauft werden könnte, sollte in die Industrie gehen. Es gibt aber auch eine Zusammenarbeit zwischen Universität und Industrie. Den Elfenbeinturm haben wir längst verlassen.
NaT: Sie sind Leiterin des Instituts für Thermische Verfahrenstechnik. Haben Sie einen Arbeitsalltag, und was ist das ingenieurmäßige daran?
Besuchen Sie uns doch mal: Wir haben eine große technische Halle mit metergroßen Anlagen, und wir sitzen nicht viel an unseren Schreibtischen. Wir prüfen, wie man Prozesse kostengünstiger, effektiver und energiesparender machen kann. Das ist zumindest der Alltag meiner Mitarbeiter und den finde ich sehr schön. Was mich als Professorin angeht, so habe ich Vorlesungen, die ungefähr 15 Prozent meiner Zeit ausmachen. 80 Prozent meiner Zeit bin ich mit Wissenschaftsmanagement beschäftigt: Ich muss Anträge schreiben, die Finanzierung beschaffen, damit meine Mitarbeiter forschen können. Was übrig bleibt, ist das Schönste: der Austausch mit meinen Mitarbeitern über ihre neuesten Entdeckungen und Ergebnisse.
NaT: Was erwarten Sie von den Studierenden und was lernen die bei Ihnen?
Die Studierenden kommen im vierten Semester zu mir in die Thermodynamik und lernen, wie man ein Gemisch aus verschiedenen Stoffen in einzelne Bestandteile zerlegt. Das kann man sehr schön am Beispiel des Erdöls illustrieren: Sie bekommen eine schwarze Brühe mit vielen Einzelstoffen, aber Sie wollen sauberen Sprit haben. Wie das geht, lernen Sie bei mir, nachdem Sie drei Semester lang gelernt haben, welche Eigenschaften diese Einzelstoffe haben, wann sie sieden, frieren oder wie sie fließen.
NaT: Was ist der Unterschied zum Chemieingenieurwesen?
Das ist quasi das Gleiche. Der Name hängt ein wenig von der jeweiligen Universität ab: Manchmal ist Verfahrenstechnik Teil des Chemieingenieurwesens, manchmal des Maschinenbaus. Wir sind in jedem Fall die Verbindung zwischen der chemischen Industrie und einem technischen Prozess. Und Vielseitigkeit ist unser Luxus: Wir sind nicht auf chemische Reaktionen festgelegt. So kann man bei uns auch Bioverfahrenstechnik studieren oder Energie- und Umwelttechnik.
NaT: Sie haben auch einen sechsjährigen Sohn. Wie schaffen Sie den Spagat zwischen Karriere und Kind?
Das geht ohne große Verluste, aber mit sehr viel Organisationstalent. Mein Mann ist auch Verfahrenstechniker und voll berufstätig, daher weiß ich, es geht auf jeden Fall. Ich kann Ihnen nur einen Tipp geben: Zerstreiten Sie sich weder mit Ihren Eltern noch mit Ihren Schwiegereltern.
NaT: Sie haben jetzt schon zum zweiten Mal am Speed-Dating teilgenommen und Ihr Fach jeweils viermal hintereinander vorgestellt. Das ist doch anstrengend – warum machen Sie dennoch mit?
Ich denke mir, dass wir einfach gute Studenten brauchen. Leute, die interessiert sind und die etwas lernen möchten und nicht müssen. Deswegen sage ich auch den Zuhörern: Egal, wie Ihr Ergebnis heute aussieht, machen Sie das, was Ihnen am meisten Spaß bringt. Wenn Sie das machen, werden Sie automatisch erfolgreich, das geht gar nicht anders. So wie man mir geholfen hat, herauszufinden, was mir Spaß macht, so möchte ich auch dazu bei der nächsten Generation beitragen. Daher habe ich gerne wieder am wissenschaftlichen Speed-Dating teilgenommen.
NaT: „спасибо“ – danke für das gute Gespräch!




