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Prozessoptimierung in Präsentation und Praxis
Verfasst von Deike Uhtenwoldt am 9. März 2011 - 11:35
Mathematik ist überall - in der Mathematischen Modellierungswoche übersetzen Schüler Alltagsfragen in Formeln: 15 Schüler der Sophie-Barat-Schule optimieren die Chipausbeute in der Halbleiterindustrie
Es ist der letzte Vortrag vor den Ferien und er kommt auf den letzten
Drücker: Zehn Sophie-Barat-Schüler drängeln sich vorne neben dem
Rednerpult, aber wo bleiben Max und sein Laptop? Sigmund ergreift schon
einmal das Mikro: „Wir haben uns die Aufgabe eins ausgesucht:
Prozessoptimierung in der Halbleiterindustrie, ganz speziell in der
Chipherstellung.“
Das weckt wenig Begeisterung in den Reihen der
Zuhörer: Drei Vorträge haben die Schüler schon angehört, teilweise auch
mitgestaltet, ellenlange Formeln und verschiedene Rechenwege
präsentiert bekommen – da kann, fünf Minuten vor dem offiziellen Ende
der Veranstaltung, die Luft schon ein wenig dünn werden. Zumal das Thema
nicht nach Ferienunterhaltung klingt und Max offenbar immer noch an den
letzten Powerpointfolien herumbastelt. Oh Mann, andere haben jetzt
schon Ferien, seufzt ein Zuhörer in den hinteren Reihen.
Aber
Sigmund ficht das nicht an. Er hat von Anfang an gekämpft für sein, für
dieses Thema der besseren Chipausbeute, hat seine Mitschüler überzeugt
und schließlich in der Abstimmung gegen das Thema Skispringen gewonnen:
„Ich habe gesehen, dass da viel Mathematik und Geometrie drin steckt“,
erklärt Sigmund sein Engagement. Zudem könne man mit dem Halbleiterthema
sehr exakt arbeiten. „Rechnen ohne Variable, wie sie beim Thema
Skispringen mit der Windgeschwindigkeit eine Rolle spielen.“
Das
exakteste ist aber auch das abstrakteste Thema, ergänzt Mitschülerin
Charlotte. „Ich habe für die Konstruktion einen Linienfahrplans
gestimmt, weil das so schön alltäglich und praktisch ist“, erklärt die
16jährige. Aber mit dem Halbleiterthema habe sie auf jeden Fall auch
einen anderen Aspekt von Mathematik kennen gelernt: „Ich bin jetzt mit
dieser Aufgabenstellung zufrieden.“
Eine praktische Fragestellung übersetzen in Formeln, die man rechnen kann, das ist die Hauptaufgabe in der Mathematischen Modellierungswoche.
Gelöst wird sie von Oberstufenschülern, die von ihren Mathelehrern für
die Woche an der Universität Hamburg angemeldet werden. Die Schüler
überlegen in Gruppenarbeit, welche Faktoren bei der Problemstellung eine
Rolle spielen, was gegeben, beliebig und veränderbar ist. Dabei werden
sie betreut von Mitarbeitern der Universität und nicht von ihren Lehrern
und sollen sehr eigenständig arbeiten: „Wir hatten sehr viel Freiraum“,
sagt Charlotte. Das sei auch anstrengend gewesen, weil man nicht immer
das Ziel vor Augen hatte und es zu Stillständen kam: „Aber wir haben gut
im Team gearbeitet und uns gegenseitig inspiriert.“
Ihre
Teamleistung präsentieren die Schüler auf Plakaten, die sie am letzten
Tag mittags im Foyer aushängen. Das führt ein wenig zu Unmut bei den
Sophie-Barat-Schülern. Schließlich möchten alle kurz vor der
Hörsaalpräsentation lieber eine Pause einlegen als Plakate erläutern.
Aber ein paar Wackere finden sich dennoch zu einem spontanen
Schichtdienst zusammen. Johannes erklärt einem Besucher das Vorgehen:
„Die Aufgabenstellung kennen Sie?“ Der Besucher ist Mathematikprofessor
Jens Struckmeier und weiß natürlich Bescheid: „Ich durfte bei NXP die
Produktionsstätte besuchen, eingehüllt in einen Schutzanzug, das war
sehr interessant.“
Das Problem ist bei NXP ganz real.
Mikrochips sind das Futter einer modernen Industrie vom Autoradio bis
zum Personalausweis. „Das ist Massenware und deswegen ist die Frage, wie
viel auf eine Scheibe draufpasst, für NXP eine ganz wichtige Frage“,
erklärt der Professor. Eine Frage, die Millionen Euro einsparen kann und
für deren Beantwortung der Chipproduzent aus Eimsbüttel extra eine
Software entwickelt hat, verrät Struckmeier.
Johannes und seine
Mitschüler haben ohne Software gerechnet und dennoch alles richtig
gemacht. Johannes erläutert am Modell den Weg von der Siliziumplatte,
„Waver genannt“ über die Maske bis zur Belichtung. Die Maskenvariante
mit der besseren Chipausbeute, hat keinen Rand: „Man kann mathematisch
beweisen, dass die ohne Rand effizienter ist“, ergänzt Florian. Zwar
fallen da auch alle halben Chips weg, aber der Ausschuss kann auf eine
Seite verlegt werden, erklärt Kathalina eine weitere Aufgabenstellung.
„Man sollte den Waver von einer Seite bearbeiten und die Reihen immer
weiter fortsetzen. Das wäre auf jeden Fall unsere Empfehlung an NXP.“ So
viel Prozessoptimierung im Sinne des Herstellers beeindruckt auch den
Professor: „Ihr habt schön gearbeitet.“
Nur ist es etwas
anderes, die schönen und richtigen Rechenwege einer Öffentlichkeit zu
präsentieren, die sich mit dem Thema noch nicht beschäftigt hat: Atemlos
nimmt Max die letzten Stufen, schließt den Laptop an und bekommt ein
wenig antreibenden Applaus. Endlich geht es weiter: Zehn
Sophie-Barat-Schüler teilen sich einen fünfzehnminütigen Vortrag. Auch
wenn Philipp seinen Part total abkürzt, weil die Zeit längst um ist, hat
Betreuerin Doris Bohnet noch einen Tipp für die Gruppe: „Eines möchte
ich für eure nächste Präsentation mit auf den Weg geben“, sagt die
Doktorandin, „arbeitet nie bis zum Schluss an den Folien, spielt lieber
den Vortrag einmal durch.“ Da behaupte noch einer, in der
Mathematischen Modellierungswoche gehe es um nichts weiter als
Mathematik.












