Mut trifft Erfahrung, eine fruchtbare Symbiose

Interview mit Hermann Rohling, Professor für Nachrichtentechnik an der Technischen Universität Hamburg-Harburg
Forschung geht über das Bestehen von Klausuren hinaus. Innovation und Kreativität sind nur mittelbar aus den Noten abzuleiten.
Hermann Rohling, Professor für Nachrichtentechnik, TUHH

Hermann Rohling, Professor für Nachrichtentechnik ist über den zweiten Bildungsweg zum Mathematikstudium gekommen und anschließend als wissenschaftlicher Mitarbeiter der AEG Telefunken in Ulm für die Radartechnik tätig gewesen. Nebenbei promovierte Rohling an der Technischen Hochschule Aachen, um dann in die Lehre und Forschung einzusteigen: zunächst an der TU Braunschweig, dann an der TUHH, wo er 1999 die Leitung des Instituts für Nachrichtentechnik übernahm. Die NaT befragte ihn nach einer Einstiegsvorlesung für Oberstufenschüler vom Friedrich-Ebert-Gymnasium.

NaT:  Herr Professor Rohling, die Nachrichtentechnik ist kein eigenständiger Studiengang, aber sie hat an der TU ein eigenes Institut. Wen und für welche Berufe bilden Sie aus? Die Nachrichtentechnik ist ein Spezialgebiet der Elektrotechnik. Zu uns kommen Interessenten aus dem Studiengang Allgemeine Ingenieurwissenschaften AIW, Elektrotechniker, Mechatroniker oder auch Informatikingenieure. Ein großer Bereich, mit dem wir uns aktuell beschäftigen ist die Nachrichtenübertragung, insbesondere die Mobilfunktechnik. In der vierten Mobilfunkgeneration LTE, Long-Term-Evolution, finden Sie viele Elemente, die wir hier selber in Hamburg untersucht und entwickelt haben.

NaT: Schon die vierte Generation, Wahnsinn… Ja, alle zehn Jahre kommt eine neue Generation auf dem Markt. Der Mensch ist ungeduldig und er schreit auch immer nach mehr. Jetzt wollen wir in den Bereich von 100 Megabit Datenrate pro Sekunde. Telefonieren beherrschen wir ja schon seit zwanzig Jahren. Ein zweiter Bereich, mit dem wir uns beschäftigen, ist die „Car-to-Car-Kommunikation“.

NaT: Autos unterhalten sich untereinander? Wie soll ich mir das vorstellen? Autos bilden eine Art Netzwerk, leiten Nachrichten weiter und verlängern damit die Sichtweite des Fahrers mit elektronischen Mitteln. Damit kann man sehr günstig Verkehrsinformationssysteme entwickeln. Wenn ich die Nachricht von einem Stau aktuell bekomme und auch noch schätzen kann, wie lang der Stau ist, dann habe ich einen Vorteil. Weitere wichtige Forschungsgebiete sind die Satellitennavigation und Automotive Radar. Das sind extrem leistungsfähige Radargeräte, die im Auto zur automatischen Abstands-, Geschwindigkeits- und Winkelmessung eingesetzt werden. Mit diesem Bereich sind wir mehr oder weniger einzigartig in Deutschland.

NaT: Woher kommt das? Ich habe mich elf Jahre lang in der Industrie mit Radar- und Mobilfunktechnik beschäftigt und diese Themen habe ich dann auf die Hochschule transferiert. Das ist ja immer so, es hängt an den Personen, die eine fachliche Schwerpunktsetzung vorgeben. Das wird auch wieder so sein, wenn ich im nächsten Jahr pensioniert werde. Aber ich bleibe Mitglied der Hochschule und kann weiterhin Arbeiten betreuen. Gerade die Lehre hat mir immer viel Spaß gemacht.  

NaT: Sie sind nicht der Forscher im stillen Kämmerlein? Heute läuft man ja Gefahr, dass sich jeder alleine vor dem Computer isoliert. Früher gab es die Labortätigkeit und das war eine gemeinsame Arbeit. Das ist für mich eine schöne Vorstellung, die ich zu praktizieren versuche. Zwar nicht mehr im weißen Kittel, aber im Austausch mit den Studierenden. Die sind motiviert und haben mutige Ideen und ich habe die Erfahrung. Das ist eine gute Symbiose.

NaT: Wonach wählen Sie Ihre Mitarbeiter und Doktoranden aus? Nach dem persönlichen Gespräch. Natürlich spielen Noten eine wichtige Rolle, aber Forschung geht über das Bestehen von Klausuren hinaus. Innovation und Kreativität sind nur mittelbar aus den Noten abzuleiten. Ich gebe den Menschen eine Chance und ich sehe es als eine schöne Aufgabe, junge Leute auf dem Weg zu begleiten.

NaT: Auf ihrem Weg in die Forschung? Nein, nicht ausschließlich. Der Bachelor-Studiengang hat schon auch Positives: es gibt einen wissenschaftlichen Abschluss, auch für die, die früher vielleicht abgesprungen wären. Aber die Industrie darf dann auch nicht jammern, dass die Berufsanfänger dieses oder jenes noch nicht können. Allerdings gehen wir an der TU davon aus, dass 80 Prozent der Studierenden auch den Master machen. Nur wo, da stehen wir in Konkurrenz mit anderen Universitäten. 

NaT: Und wo landet ein Bachelor oder Master dann auf dem Arbeitsmarkt? Nachrichtentechniker sind sehr gefragt. Vor allem bei den klassischen Messgeräteproduzenten und Mobilfunktechnikern. Aber auch in der Automobilindustrie wird der elektrotechnische Anteil immer größer.

NaT: Sie haben die Oberstufenschüler gerade als die kommenden Studierenden begrüßt. Was erwarten Sie? Wir müssen jetzt Erfahrungen sammeln, mit so jugendlichen Menschen umzugehen. Bisher waren die Studienanfänger nach der Bundeswehrzeit und dem 13. Schuljahr eher 21, jetzt sind sie 18 Jahre alt. Die Differenz macht viel aus, 10 Prozent ihres Lebens. Aber ich habe die Hoffnung, dass sich das zum Positiven wendet. Wer direkt aus der Schule zu uns kommt, hat noch nicht so viel vergessen.

NaT: Was versprechen Sie sich von dem Modul „Wellen“, in das Sie heute eingeführt haben? Es ist gut, mit jungen Leuten so früh wie möglich in Kontakt zu kommen und sie mit Technik zu konfrontieren. Das kommt ja an den Schulen oft zu kurz. Und wenn ich den jungen Leuten in die Augen schaue, dann sehe ich, was da abgeht. Heute waren viele dabei, die erstaunlich konzentriert, diszipliniert und vor allem interessiert waren.

NaT: Danke, dass Sie sich Zeit für das Gespräch genommen haben.

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