Initiative NaT
Projekte
Schulen
Unternehmen
Hochschulen
Medien
Suche
Fukushima und wie weiter?
Verfasst von Deike Uhtenwoldt am 3. Juni 2011 - 9:57
Schüler diskutieren mit Führungskräften von Vattenfall
Eigentlich wäre Siegfried, der Drachentöter dran. Denn um das mittelalterliche Nibelungenlied drehen sich die Präsentationen, die Guido und Michael in ein paar Tagen in ihrem mündlichen Prüfungsfach Deutsch halten müssen. Stattdessen sitzen die Abi-Prüflinge vom Friedrich-Ebert-Gymnasium (FEG) auf dem Podium im Körber Forum und diskutieren mit drei Vertretern des Energieversorgers Vattenfall. So viel Zeit muss sein, findet Guido: „Wir haben uns im Physikprofil ein Jahr lang mit den Themen Energieversorgung und Atomausstieg beschäftigt, da kann ich mir so eine Gelegenheit doch nicht entgehen lassen.“
Die Gelegenheit, dem Hamburger Generalbevollmächtigten von Vattenfall, Pieter Wasmuth gegenüberzusitzen, Stellung zu beziehen, zu hinterfragen – und dies vor einem gut informierten, interessierten Publikum: Neben Physikprofilschülern und Abiturienten sitzen auch viele Zehntklässler im Publikum und alle haben eine Menge Fragen. Diese liegen nun auf knallgelben Notizzetteln zu thematischen Stapeln sortiert auf dem Podium. Nur: es sind zu viele, als dass Marion Förster sie alle vorlesen könnte. Die Moderatorin kann nur zusammenfassen: „Eine Frage, die viele von Euch beschäftigt hat: Ist der Ausstieg von der Atomkraft technisch nicht schon viel schneller machbar als bis 2022?“
Michael und Guido haben dazu eine klare Meinung: die intelligente Vernetzung der Stromproduktion durch Wind, Wasser und Sonne ermögliche einen Ausstieg schon bis 2015. Der Vattenfall-Chef ist da skeptisch, zumindest wenn dies durch erneuerbare Energien geschehen soll: „Wir müssen die gesamte Infrastruktur umbauen, das dauert technisch sehr viel länger.“ Dazu komme noch das Problem der Speicherung: „Wir haben noch keine Speichertechnologien, die es ermöglichen, Strom in solchen Mengen zu speichern.“
Guido führt das Hybrid-Kraftwerk in Brandenburg ins Feld: Hier wird überschüssiger Windstrom, der nicht von den Verbrauchern abgerufen wird, in Form von Wasserstoff gespeichert, wo er bei der nächsten Flaute in Blockheizkraftwerken zum Einsatz kommt. Das ist Wind auf die Mühlen von Anette Polkehn-Appel, die sich in der Vattenfall Europe Innovation GmbH genau mit solchen Themen beschäftigt: „Wir haben das Thema Wind-Wasserstoff im Fokus und sind an diesem Projekt beteiligt, nur wir stehen da ziemlich am Anfang. Die Vernetzung der Techniken ist noch nicht in so einem großen Stil machbar.“
Michael schlägt vor, die Vernetzung europaweit anzugehen: „Irgendwo hat man doch immer eine Stelle, wo der Wind weht und wo man Strom erzeugt.“ Das ist zwar richtig, sagt Pieter Wasmuth: „Aber die Belgier, die Schotten, Norweger und Franzosen brauchen den Strom selber.“ Das wäre ja eine Art Energiekolonialismus, so der Vattenfall-Chef, wenn wir überall, wo Platz ist, Windkrafträder hinstellten und der Strom immer schön nach Deutschland gehen sollte. „Aber ein Land, das Energie exportiert soll doch auch profitieren, Strom ist doch ein Produkt“, entgegnet Guido. Schon richtig, aber der Bedarf sei nun mal weltweit steigend und um es zu exportieren, muss man Leitungen bauen – und an denen scheiden sich oft die Geister.
„Energie ist ein hochemotionales Thema und egal, mit welcher Form wir uns beschäftigen, es ist nie gut“, fasst Anette Polkehn-Appel Reaktionen auch auf Kohlekraftwerke oder Windenergieanlagen zusammen. Aber das sei doch nun wirklich nicht vergleichbar mit dem Restrisiko, das bei Atomkraftwerken in Kauf genommen werde, entgegnet Guido: „Das ist einfach zu gefährlich, wenn da ein Blitz einschlägt.“ Müßig darüber zu diskutieren, meint Barbara Meyer-Bukow, Sprecherin von Vattenfall Europe Nuclear Energy. „In Deutschland ist die Entscheidung gefallen, wir wollen das Restrisiko Kernenergie für uns nicht mehr akzeptieren, also steigen wir aus.“
Die Vattenfall Vertreter auf dem Podium bewerten diese Entscheidung nicht, sie müssen sie akzeptieren, sich darauf einstellen und hoffen jetzt nur, dass dies eine verlässliche Entscheidung ist, die bei der nächsten Bundesregierung nicht wieder umgeschmissen wird. „Die Entscheidung gegen Kernenergie, die kann man treffen, aber damit ist man nicht am Ende, sondern am Anfang“, mahnt Pieter Wasmuth. Am Anfang von Themen wie Speicherung, Versorgungssicherheit, Ausgleich zwischen Energiebedarf und Energieproduktion. „Was wir jetzt vorhaben, wird von den anderen Ländern kritisch beäugt: Schaffen wir das oder kriegen wir auf die Klappe?“
Versailles nur ohne ersten Weltkrieg, so habe die französische Tageszeitung Le Monde den Beschluss zum Atomausstieg in Deutschland bezeichnet: Damit das Land nicht dadurch geschwächt wird, sondern als Vorreiter hervorgeht, brauche es kreative Köpfe und hervorragende Ingenieure, die intelligente und bezahlbare technologische Lösungen entwickeln. Und damit schließt sich auch bei der Diskussion der Kreis: Matthias Mayer, Leiter des Bereichs Wissenschaft bei der Körber-Stiftung, hatte in seinen Eingangsworten auf eine Veranstaltung mit Jugendlichen verwiesen, bei der es auch um neue Energieträger ging: Die Jugendlichen hatten zwar viele Ideen, was zu machen wäre, aber auf Rückfrage des Veranstalters stellte sich heraus, dass nur zwei von über hundert Teilnehmern technische Berufe ergreifen wollten.
„Wer soll die neuen Energieträger eigentlich bauen?“, fragt Matthias Mayer. Zumindest die Podiumsgäste sind da auf einem guten Weg: Der 17jährige Michael hat sich schon einen Studiumplatz für den ingenieurwissenschaftlichen Studiengang „Verbundwerkstoffe“ an der Privathochschule PFH Göttingen, Standort Stade gesichert. Sein Klassenkamerad Guido, 18, liebäugelt zwar auch mit einer politischen Karriere, will aber erst etwas Handfestes studieren: Nanotechnologie vielleicht, um dann noch den Master in Energiewirtschaft dranzuhängen.
Die Zehntklässler im Publikum haben bis zu dieser Entscheidung noch Zeit. Aber auch sie haben die Diskussion aufmerksam verfolgt: Jaci, Schülerin der Stadtteilschule Walddörfer hat zwei DIN A4 Bögen mit ihren Notizen gefüllt – das Frauenmagazin Joy, das die 16jährige mitgebracht hatte, diente dabei nur als Schreibunterlage, nicht als Lektüre. „Ich fand die Diskussion gut, die Schüler auf dem Podium haben sich gut geschlagen. Nur schade, dass unsere Fragen nicht beantwortet wurden.“ Jaci, bleib dran: Sabine Fernau, Geschäftsführerin der Initiative NaT plant eine Folgeveranstaltung zu den vielen Leitfragen auf signalgelbem Untergrund, die auf dem Podium offen geblieben sind.
Organisationen
Niemals Stillstand: Ingenieure warten und verbessern AKW-Technologie ständig










