Guerilla in Genf

Gespräch mit Rolf Landua am Europäischen Forschungszentrum CERN: Vom Science-Fiction-Fan zum Antimaterie-Spezialisten
Das gebe ich den Lehrern auch immer mit auf den Weg: Der einzige lebende Physiker, dem 99 Prozent der Menschheit begegnen sind Sie. Damit haben Sie eine sehr wichtige Vorbildfunktion.
Rolf Landua, Leiter der Abteilung für öffentliche Fortbildung und Mitinitiator der "Antimaterie-Fabrik" am CERN

Teilchenphysiker Rolf Landua ist ein gefragter Mann. Gerade wieder hat ihn eine Einladung zu einem Managerseminar erreicht. Unter anderem mit der Fragestellung: „Warum gibt es seit Einstein, Heisenberg und Bohr keinen Fortschritt mehr in der Physik?“ Das fragen Volks- und Betriebswirte, Leute am Hebel der Gesellschaft, ausgerechnet einen Antimaterie-Spezialisten. Der seit 30 Jahren an der Europäische Organisation für Kernforschung CERN tätig ist. Der prognostiziert, dass das Higgs-Teilchen, wenn es denn wirklich existiert, bis Ende 2012 gefunden wird. Dem es mit seinem Team beispielsweise schon gelungen ist, Anti-Wasserstoff zu produzieren: Rolf Landua weiß in solchen Momenten nicht, ob er weinen oder lachen soll. Auf jeden Fall will sich der Leiter der CERN-Abteilung für öffentliche Fortbildung weiter engagieren, für ein besseres Image der Physik, für mehr Technik-Interesse in der Gesellschaft und die Erneuerung des naturwissenschaftlichen Unterrichts. Im Gespräch mit der Initiative-NaT erklärt er die Hintergründe.

NaT: Herr Landua, Sie haben Lehrerprogramme am CERN initiiert. Warum? Als Physiker für Antimaterie habe ich auch schon früher oft zu Schulgruppen gesprochen. Dabei ist mir aufgefallen, dass zwar das Interesse an meinen Themen sehr groß, aber das Vorwissen sehr klein war, sowohl bei den Schülern als auch bei den Lehrern. Um diese Diskrepanz zu erklären, bin ich auf einen Teufelskreis gestoßen: Im Physikunterricht hört das Curriculum praktisch mit der Faradayschen Induktion auf und die letzten 100 Jahre mit Feldtheorie, Quantenphysik und all diese phantastischen Dingen, die heute im iphone stecken, fehlen vollkommen. Und weil sie im Curriculum nicht vorkommen, meinen die Universitäten, sie bräuchten auch nicht darin auszubilden. So reproduziert sich das seit Jahrzehnten. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, haben wir das Programm initiiert.

NaT: Wenn ich so an meine Gespräche mit Physiklehrern denke, würde ich sagen, Sie sind schon sehr erfolgreich. Der Lehrplan, jedenfalls in Hamburg ist nicht mehr so rigide und in vielen Oberstufenprofilen ist auch die Teilchenphysik Thema… Aber die Oberstufe kommt zu spät. Man muss das Thema da bringen, wo noch alle da sind. Im Alter von 15 Jahren hat sich die Mehrheit nämlich schon entschieden, dass Physik nichts für sie ist und wählt das Fach bei der ersten Gelegenheit ab. Das heißt im Endeffekt bilden wir immer mehr Menschen aus, die einfach blind auf Knöpfe drücken, aber gar nicht verstehen, was in diesen kleinen Boxen in der Medizin oder im Alltag alles drin ist. Weil auch die Prinzipien nie erklärt wurden, auf denen moderne Technologien basieren. Das sind nämlich mindestens die 50 Jahre Physik, die im Lehrplan fehlen.

NaT: Das klingt nicht sehr motivierend. Ist der Wettlauf mit der Zeit schon verloren? Ich bin überzeugt, man kann moderne Wissenschaft so vermitteln, dass sie auch für 13- bis 15jährige interessant ist und motiviert, sich weiter mit der Physik zu beschäftigen. Das ist auch der Ansatz unseres Programms. Egal welche Klasse, wenn die Schüler in unseren Seminarräumen von Antimaterie, dunkler Materie oder Urknall hören, kommt ein Leuchten in die Augen. Meiner Ansicht nach ist es nur ein Motivationsproblem, das wir zu lösen haben.

NaT: Wie viele Lehrer haben Sie schon in fünf Jahren erreicht? 5000 Lehrer in rund 40 Ländern. Das ist natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber es ist immerhin ein Anfang und in einigen Ländern haben sie das Curriculum schon verändert, in Polen, Spanien, Italien oder der Tschechoslowakei beispielsweise. Wir bieten quasi eine Art Guerilla Ausbildung für Lehrer, die hinterher sagen, das gebe ich an meine Schüler weiter, auch wenn es nicht im Lehrplan steht. Wer das tut, wird dafür in jedem Fall belohnt, weil er in der Klasse plötzlich jemanden findet, der zuhört.

NaT: Aber erreichen Sie mit dem Programm nicht nur die Lehrer, die sowieso schon offen für Ihre Themen sind? Wir richten uns nicht an Cracks, die nur wissen wollen, ob das Higgs 140 oder 145 Gigaelektronenvolt schwer ist. Ich bitte das nicht abwertend zu verstehen, aber wir wollen Feld-Wald-Wiesenlehrer haben, die ihren Unterricht so motivierend und inspirierend wie möglich gestalten. Sie wissen ja nie, wo der nächste Nobelpreisträger herkommt. Der kann aus einer Hamburger Eliteschule kommen oder aus einer Dorfschule in der Lüneburger Heide. Viele Nobelpreisträger, die ich heute genannt habe, kommen aus ganz kleinen Verhältnissen, beispielsweise aus einem Dorf in Pakistan. Daher ist es gut, breitflächig zu arbeiten, denn jeder Lehrer kann wieder ungefähr 1.000 Schüler in seiner Lehrerlaufbahn motivieren, wenn er Physik spannend und lebensnah präsentiert.  

NaT: Wie qualifizieren sich die Lehrer für Ihr Programm? Es gibt ja zwei Typen von Programmen: Einmal die nationalen, die von auswärts finanziert werden, so wie jetzt für die deutschen Lehrer. Da mischen wir uns überhaupt nicht ein. Dann gibt es unsere eigenen internationalen Kurse, so wie den dreiwöchigen Sommerkurs, zu dem wir Physiklehrer aus der ganzen Welt einladen. Auch dann verlangen wir keine großartigen Referenzen. Die Bewerber müssen uns nur mitteilen, was sie daran interessiert und wie sie das im Unterricht einsetzen wollen. Wir lernen sehr viel aus diesen kleinen Motivationsbriefen. Aber wir denken auch, wenn jemand sich die Mühe macht, drei Wochen seiner Sommerferien aufzubringen, dann muss er schon motiviert sein.

NaT: Was bekommen Sie für Rückmeldungen aus den Programmen? Ich habe noch nie eine negative Rückmeldung bekommen, in der Regel sind sie sogar sehr enthusiastisch. Enttäuscht wird nur der, der glaubt, hier in einer Woche ein dreijähriges Studium der Teilchenphysik ersetzt zu bekommen. Wir geben einen Einblick und Überblick. Vor allem nehmen wir die Angst, über das Thema zu reden. Viele Lehrer vermeiden das, weil sie sich nicht so fit in der Materie fühlen. Aber das führt nur dann zu einem Autoritätsverlust, wenn der Lehrer versucht, seine Unkenntnis zu verschleiern. Die reine Tatsache, dass man Dinge nicht weiß, ist ganz natürlich. Die Physiker wissen auch vieles nicht.

NaT: Was würden Sie Schülern raten, die sich für Teilchenphysik interessieren? So offen sein wie möglich, viel lesen, das Internet nutzen. Es gibt nichts Schlimmeres als einen Einspurwissenschaftler, der nur über Teilchenphysik Bescheid weiß. Die Natur ist nicht parzelliert in Physik, Chemie, Biologie oder Medizin. Alles gehört zusammen und ist eine einzige Materie, nur eben mit verschiedenen Organisationsstufen. Es gibt ein unglaublich breites Forschungs- und Anwendungsspektrum für Physiker. Wo man am Ende landet, hängt davon ab, was man vorher alles gelesen hat.

NaT: Wie war das bei Ihnen persönlich? Wie sind Sie selbst auf die Physik und Antimaterie gekommen? Über Science Fiction. Im Alter von 14, 15 habe ich viel Science Fiction gelesen und habe auch den Film „2001: Odyssee im Weltraum“ gesehen. Das hat mein Weltbild erweitert und viele Fragen aufgeworfen: Zusatzdimensionen, Antimaterie gibt es das wirklich und kann man das untersuchen? Mit diesen Fragen habe ich dann Physik studiert – als einziger aus meiner Klasse und trotz meines Physiklehrers, der wirklich nicht motiviert hat. Das gebe ich den Lehrern auch immer mit auf den Weg: Der einzige lebende Physiker, dem 99 Prozent der Menschheit begegnen sind Sie. Damit haben Sie eine sehr wichtige Vorbildfunktion.

 NaT: Danke, dass Sie sich so viel Zeit für das Gespräch genommen haben.

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