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Händchen für Hygiene
Verfasst von Deike Uhtenwoldt am 1. Dezember 2011 - 13:59
Chemie- und Biologieprofil vom Emil-von-Behring-Gymnasium zu Besuch bei Bode Chemie
Felix hat das Zeug zum Millionär. Jedenfalls beantwortet der 17jährige die Eine-Million-Euro-Frage aus dem Bereich Händehygiene richtig: Um wie viel Prozent lassen sich die rund 600.000 Krankenhausinfektionen senken, würde die Zahl der behandelnden Ärzte, die regelgerecht ihre Hände desinfizierten von aktuell 48 auf zukünftig 66 Prozent gesteigert. „Der Anstieg ist ja vergleichsweise gering, statt jeder zweiten Desinfektion wird jede dritte unterlassen, das ist noch lange nicht optimal“, kommentiert Günther Jauch alias Professor Günter Kampf. Als Antworten stehen 8, 19, 30 und 41 Prozent zur Auswahl. Aber der – rein fiktive – Kandidat auf dem heißen Stuhl hat sowieso keine Ahnung. Und weil der 50/50-Joker schon vergeben ist, bleibt nur noch die Frage an das fachkundige Publikum: Die meisten Schüler wählen die Mitte, 19 oder 30 Prozent. Felix und drei weitere Klassenkameraden stimmen für die 41 Prozent: „Das ist mutig und das ist richtig“, lobt der Professor.
Günter Kampf leitet die Forschungsabteilung der Bode Chemie GmbH in Hamburg. Nebenbei ist er Professor für Hygiene und Umweltmedizin an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald. Aber heute spricht er nicht vor Studierenden, sondern vor Schülern des Emil-von-Behring-Gymnasiums in Großhansdorf. Eine weite Reise mit Bus und Bahn haben die 30 Schüler mit den Profilfächern Biologie oder Chemie unternommen, um den Industriebetrieb in Stellingen zu besuchen. Jetzt begrüßt sie der Professor mit einem Feuerwerk aus Fragen: Welche Epidemien kennen Sie? Wann herrschte die Vogelgrippe? Was war das für ein Virus? Wofür stehn denn das H und das N bei der Influenza A/H5N1?
Uff, Biolehrerin Helga Scheller-Schiewek und ihre Kollegin Katharina Schulz aus der Chemie hatten die Schüler im Unterricht durchaus auf die Exkursion vorbereitet, allerdings schwerpunktmäßig zum Thema Alkohole, um das es in den drei Profiltagen gerade geht. Mit den Eiweißbestandteilen der Vogel- oder Schweinegrippe haben sie sich gar nicht befasst, aber Professor Kampf liefert schon selbst die Antwort. „Das sind Oberflächenfaktoren, anhand derer man die Viren unterscheiden kann.“ Man muss bei einem interaktiven Vortrag aber auch nicht alles wissen. „Einfach mal raten“, oder „ruhig laut sagen“, ermuntert Kampf, „das ist hier doch nur zum Aufwärmen.“
Aufgewärmt erfahren die Schüler, was Desinfektionsverfahren gegen die Krankheitserreger ausrichten können, warum das Krankenhaus auch ein Krankmacher sein kann und mehrmaliges tägliches Händewaschen ein echter Stressfaktor für die Haut ist. „Aber beim Desinfizieren gehen doch auch die natürliche Bakterienflora verloren und das ist doch negativ“, gibt Jessica zu bedenken. „Das kann negativ sein, aber wenn ich die künstlichen Bakterien maximal reduzieren will, ist die Desinfektion wirkungsvoller“, entgegnet der Professor und verweist auf die Pflegestoffe, die den Desinfektionsmitteln zusätzlich zum Alkohol zugefügt werden. Ach ja, um welche Alkohole handele es sich? Na bitte, die Vorbereitung war nicht umsonst. Ethanol, 2-Propanol und 1-Propanol nennen die Schülerund die „Chemiker“ unter ihnen wissen auch, dass sich die letztgenannten durch die Stellung der OH-Gruppe unterscheiden. „Methanol nicht“, wehrt der Wissenschaftler einen vierten Vorschlag ab. „Das ist zwar sehr wirksam, aber auch giftig.“
Wie die Eigenschaften der Rohstoffe und hergestellten Produkte gesichert werden, erfahren die Schüler anschließend in einem Unternehmensrundgang. Wobei der Begriff „Rundgang“ es nicht wirklich trifft: Das Unternehmen ist 1928 nach Stellingen gezogen, als das Gebiet noch kaum besiedelt und in der Hand von Gärtnereien und Baumschulen war. Nach und nach sind weitere Gebäude zugekauft, um- und angebaut worden. Entstanden ist ein Labyrinth aus Fluren, Stockwerken und Übergängen. „Ein Flickenteppich ist das. Passen Sie auf, dass Sie nicht verloren gehen“, warnt Klaus Michelsen.
Der promovierte Logistikleiter führt eine der drei Schülergruppen vom Messlabor ins Lager, die Fertigung, Etikettierung bis in die Verpackung. Am eigenen Leib erfahren die Gymnasiasten, dass die Produktion von Arzneimitteln, Medizinprodukten und Kosmetika in einer Fabrik mit sehr hohen Hygiene- und Reinigungsvorschriften verbunden ist: Bevor sie die Fertigung betreten dürfen, müssen sie sich mit blauen Überschuhen, weißen Mützen und Kitteln einkleiden – „verkleiden“, nennt es Felix. „Laut Arzneimittelrecht muss alles geprüft werden, bevor es verarbeitet wird“, erklärt Michelsen. Da auch die Medizinprodukte und Kosmetika in derselben Anlage produziert werden, gelten für sie dieselben strengen Regeln. „In der ersten Fertigungsstufe werden chemische Grundstoffe miteinander vermischt, alle sind ohne Ausnahme flüssig.“ In der zweiten Fertigungsstufe werden die Flüssigkeiten dann in die Verkaufsgebinde abgefüllt.
Im Rohstofflager der Bode Chemie liegen 280 verschiedene Chemikalien, die für 60 verschiedene Rezepturen regelmäßig benötigt werden. Jeder Rohstoff wird im Messlabor auf seine Identität und Reinheit überprüft. Im Chromatograph werden beispielsweise Gemische getrennt – Seifen im Flüssigchromatographen; Alkohole im Gaschromatographen. Beide Systeme sind im Bode Messraum mehrfach vorhanden und werden zur Gehaltsprüfung, Identitätsbestimmung und Reinheitsprüfung sowohl von Rohstoffen als auch Zwischen- und Fertigprodukten eingesetzt. Die Chromatographen sind universell einsetzbar und sehr genau, lernen die Schüler. Die kleinste Verunreinigung, die im Messlabor zuletzt gemessen wurde, sind zwei ppm, parts per million, zu deutsch Teile von einer Million. Aber was bedeutet das? „Nehmen Sie ein bis zwei Stück Würfelzucker, füllen den in einen Tankwagen Ethanol mit 20.000 Tonnen Alkohol, schütteln das kräftig durch auf der Autobahn. Dann haben Sie als Idee ungefähr zwei ppm“, verdeutlicht der Logistiker.
„Wahnsinn“, sagt Johanna Marie aus dem Bio-Profil. Jetzt weiß die 16jährige nicht nur, wo das „Sterillium“ zu Hause herkommt, sondern auch wie aufwändig ist, es zu produzieren, wie viele Stationen und Sicherheitskontrollen die 100.000 Flaschen, die Bode täglich herstellt, nehmen müssen, bevor sie in den Handel gelangen. „Wenn man Wissen mit Eindrücken verbindet, merkt man es sich auch“, ist Johanna Marie überzeugt. Auch Mitschüler Felix ist angetan von der Führung, wenn ihm auch der interaktive Vortrag noch besser gefallen hat. „Das war komplett neu für mich und es gab viele spannende Erkenntnisse.“ Niklas aus dem Chemieprofil stimmt ihm zu: „Man wurde eingebunden, das war gut“. Felix grinst: „Auf jeden Fall besser als Unterricht.“
Oberstufenkoordinatorin Helga Scheller-Schiewek kann mit dem Seitenhieb leben. „Wenn sich Lebenswirklichkeit und Schule begegnen, ist das immer ein Pluspunkt und schärft den Blick für die Dinge.“ Toll wäre es natürlich, wenn auch die Schüler selbst einmal am Chromatographen arbeiten, Flüssigkeiten einspeichern, prüfen und auswerten, mit anderen Stoffen vergleichen dürften. „Einmal reinen Ethanol sehen“, schwärmt Scheller-Schiewek. Die Lehrerin weiß, dass das nicht drei Stunden machbar wäre. „Man müsste die Gruppe aufteilen und mehrmals kommen, das ist schon sehr viel verlangt von einem Produktionsbetrieb.“ Dann würde aus dem Besuch eine Patenschaft. „Das hätte eine andere Qualität“. So sieht er aus, der Wunschzettel einer Biologielehrerin kurz vor Weihnachten…













