Hamburg Port Authority (HPA) und Emil-Krause-Gymnasium

Volle Peilung: Tiefenmessung von Hand am Chicagokai

Eigentlich hätte Dieter Seefeldt heute frei. So wie jeden Tag, seit der Ingenieur die Leitung des Peil- und Vermessungsdienstes bei der Hamburg Port Authority HPA an Jüngere abgegeben hat und in den Ruhestand getreten ist. „Unruhestand“, sagt Seefeldt und begrüßt sieben Oberstufenschüler und ihre Lehrerin an Bord der „Deepenschriewer II". Mit dem Peilschiff wird seit fast 40 Jahre der Elbstrom vermessen, anfangs noch per Hand „mit einem Riesenaufwand an Personal und Material", dann mit einem ausschwenkbaren Flächenlotsystem mit digitaler Datenaufnahme.

Heute kommt noch einmal beides dran, die handgemachte und die digitale Technik, denn die Schüler sollen den Elbstrom direkt hinter dem Kreuzfahrtterminal selbst vermessen und ihre Daten mit dem digitalen Messsystem überprüfen. Die Begleitung will Seefeldt sich nicht nehmen lassen: „Ich habe das eingeleitet, ich bring das jetzt auch einmal zu Ende.“ Vor zwei Jahren ist die Kooperation zwischen dem Aufbaugymnasium und der Hafenverwaltung bereits an den Start gegangen. „Land- und Wasservermessung funktionieren nun einmal nicht ohne Mathematik und Physik, daher kooperiern wir gerne mit der NaT“, erklärt Seefeldt.

Die Seevermessung gehört allerdings ins Fach Geografie, aber das Denken in Fachgrenzen hat nicht nur die Praxis, sondern auch die Profiloberstufe längst überwunden. Eine Gruppe aus dem Physikprofil am Emil-Krause-Gymnasium ist mit Physiklehrer Jörn Krönert unterwegs, die andere mit Geografielehrerin Anke Krüger: „Wie haben uns mit der Containerentwicklung, der Hafenerweiterung beschäftigt und dank der HPA auch an einer Hafenrundfahrt teilgenommen.“

Heute geht es um die Kartierungspraxis und diese besteht aus einem praktischen Projekt an Bord und einem theoretischen Teil bei der HPA: die Schüler haben Tiefenlinien in eine Karte eingetragen und den Seeweg für die "Queen Mary" mit einem Tiefgang von 9,70 Metern bestimmt. Jetzt wollen sie einen 30 Meter langen Streifen am Chicagokai von Hand loten, um die Pegelwerte bereinigen und ihre Messergebnisse überprüfen.

Am Kreuzfahrtterminal hat zwar nicht die „Queen Mary“ festgemacht, dafür verdeutlicht die „Aida Luna“, wie mächtig die Kreuzfahrtschiffe im Vergleich zu einem kleinen Messschiff sind. Logisch, dass sie da einen entsprechenden Tiefgang benötigen. Ob die Niederelbe das am Strandhafen noch hergibt, ist die Frage. „Dieses Gebiet messen wir jeden Monat und wir haben immer wieder Änderungen, weil sich das Sediment hier stark ablagert“, erklärt Thomas Thies. Am PC zeigt der Vermessungsingenieur die aktuelle Position des Schiffes, die über GPS bestimmt wird und die Lotungen, die von den Unterwasserauslegern auf die Festplatte gelangen.

„Die Ausleger sind 15 Meter lang und mit schallanregenden Schwingern besetzt“, so der HPA-Ingenieur. „38 Schallsender messen jeweils 16mal in der Sekunde die Tiefe. Das sind schon ein Haufen Messwerte, die wir da bekommen.“ Genau wird die Wassertiefe aus der Schallgeschwindigkeit plus der Zeitmessung bestimmt, das geschieht simultan über einen Streifen Gewässersohle von 40 Metern Breite.

Ganz so schnell und einfach haben es die Schüler, verteilt auf zwei Messteams, heute nicht. Zunächst einmal müssen sie die Schiffsposition bestimmen: Wo genau auf der Karte hat die „Deepenschriewer II“ gerade festgemacht? Dafür misst Schriftführer Grzegorz, „Team Zwei“,  mit einem Handheld Laser die Abstände zu den Reibepfählen am Chicagokai und trägt Bug, Heck, Steuer- und Backbord auf der Karte ein. Seine Teamkollegen Felix und Bahtiyar lassen ein Lot ins Wasser: Bunte Bänder am Seil markieren jeweils die Meterabstände, dann heißt es mitzählen und aufschreiben.

„Das ist mein Fitnessprogramm für heute“, sagt Felix, nachdem der 21jährige zehnmal das 2,5 Kilo schwere Lot ins Wasser gelassen hat. Bahtiyar übernimmt einen zweiten Kontrolldurchgang – und kommt zu komplett anderen Ergebnissen. „Entweder haben wir uns vermessen oder die Flut macht ganz schön was aus“, stellt Felix fest.

Um das zu klären, haben die Schüler auch jeweils den Messzeitpunkt notiert. Dann korrigieren sie ihre Ergebnisse um die Pegelwerte über Karten-Null, die Thomas Thies in einer Tabelle überreicht. „Das heißt, wenn wir um 13.40 Uhr gemessen haben, müssen wir 2,05 Meter abziehen“ liest Felix aus der Tabelle. "Genau richtig", bestätigt Dieter Seefeldt und hofft, dass die Schüler, das ohne Hilfe hinbekommen: „Wenn ihr einen Taschenrechner benutzt, gibt es Null Punkte“, scherzt der Ingenieur.

Aus ihren um den Pegelstand bereinigten Messwerten nehmen die Schüler den Mittelwert, dann werden die Ergebnisse mit den Daten aus dem Tiefenmesssystem verglichen. Es gibt ein paar Unstimmigkeiten an der Kaimauerseite: „Da kann das Lot schon mal abrutschen oder in einer Böschung stecken, die Messung ist auf der Seite schwieriger“, beruhigt Seefeldt. Insgesamt ist der Ingenieur mit den Schülerergebnissen zufrieden: „Ihr habt gut gemessen. Das Profilziel ist erreicht.“

An junge Menschen herankommen, die sich vielleicht einmal beruflich für die Vermessungstechnik interessieren, mit dieser Motivation ist der Ruheständler heute an Bord gegangen. „Wir können die Brücke schlagen zwischen der Theorie der Schule und der Anwendung im Alltag“, ist sich Seefeldt sicher. Den Oberstufenschülern hat der Brückenschlag auf jeden Fall Spaß gemacht. Besonders der praktische Teil, meinen Hasnein und Felix: „Eine Messexkursion vor so einer tollen Kulisse ist klasse.“ „Nein“, widerspricht Andreas, „wer will schon jeden Tag den Hafen abfahren. Die Theorie ist doch viel besser.“ Die Brücke von der Schule in den Beruf hält viele Wege bereit.

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