Im Profil: Hamburg am Wasser

Maritime Klammer zwischen Physik, Geografie und PGW

Bei Blohm + Voss, ein Unternehmen der ThyssenKrupp Marine Systems, hat Jörn Krönert ein Schiff gefertigt: ein Modell aus Alublechstreifen, Kunstharzkleber und transparentem Klebeband. Das Ergebnis ist vom Materialaufwand äußerst günstig, leicht und wassertauglich, wie der Physiklehrer nach einem 12-Stunden-Test in der häuslichen Badewanne feststellte. „Ich muss doch selbst ausprobieren, ob und wie das funktioniert, bevor ich meine Schüler damit beauftrage.“ Die Schüler am Emil-Krause-Gymnasium in Barmbek sind Teilnehmer des Profilkurses „Hamburg am Wasser“. Das technisch-naturwissenschaftliche Profil verbindet die Fächer Physik, Geographie und PGW mit maritimen Fragestellungen und praxisorientiertem Lernen. Etwa wenn im ersten Semester Stabilität und Gleichgewicht in Physik, die Hafencity in Geographie und im Seminar die „Physik des Segelns“ auf dem Themenplan stehen.

„Ich bin in Hamburg geboren, ich bin Wassersportler, ich mag das maritime Flair“, sagt Felix, den die Aussicht auf eine Segelwoche am Plöner See schon sehr gereizt hatte. Aber ausschlaggebend für seine Wahl sei das Fach Physik und der Realitätsbezug des Profils gewesen: „Ingenieure und Techniker sind gefragte Leute, so heißt es überall“, so der 21jährige, der am liebsten Pilot werden möchte.

In der Plöner Woche ging es aber nicht nur um den Segelschein, den Felix schon vorher besaß, sondern auch um Experimente. Jeder Schüler sollte an einer selbst gestellten Frage die Physik des Segelns erforschen. „Wie mache ich das Boot schneller“, fragte beispielsweise Felix und machte das Vorsegel rauher, um mehr Reibung zu erzeugen und den Sog zu erhöhen. „Das hat tatsächlich funktioniert, wir haben die Zeit gemessen“, sagt Mitschüler Michele und seine Stimme verdeutlicht: Der Segelkurs am Anfang des Schuljahres ist ein halbes Jahr her, die Begeisterung über die ersten Forschungserfolge geblieben.

Felix und Michele sind zwei von vierzehn Oberstufenschülern, die das Profil „Hamburg am Wasser“ gewählt haben. Im Vergleich etwa zu dem PGW-Profil mit 27 Teilnehmern ist das ein kleiner, ausschließlich von Jungen belegter Kurs. „Aber das wollen wir noch ändern“, sagt PGW-Lehrer Christian Rammé. Ein Anfang ist gemacht, wenn die Schüler ihr Profil kommenden Erstsemestern präsentieren und dann den Messebesuchern der NORTEC vorstellen.

Für die Schüler ist die Einladung zur Präsentation auf der Fachmesse für Produktionstechnik ein Signal, dass man sich nicht nur für das Profil, sondern auch für sie, die künftigen Schulabgänger, interessiert: „Wir zeigen den Unternehmen, wie wir im Profil arbeiten. An einer Jolle demonstrieren wir unsere Experimente“, erklärt Michele. Das sei mit Sicherheit ein guter Gesprächsanlass, vielleicht schon geeignet für die eine oder andere Vertragsanbahnung, glaubt der 20jährige, der am liebsten als Ingenieur in der alternativen Energiegewinnung arbeiten möchte.

Für die Lehrer ist die Einladung zur Messeteilnahme durch die NaT ein Ansporn, ihr Angebot noch stärker zu profilieren: „Wir sind schon ein gutes Stück vorangekommen, aber es gibt noch viel zu verbessern“, sagt Christian Rammé. Der Koordinator für die Oberstufenprofile ist als PGW-Lehrer ins Boot von „Hamburg am Wasser“ geholt worden: „Stabilität und Gleichgewicht – das gilt ja auch für politische Systeme.“

Aus dem Gleichgewicht hat die neue Profiloberstufe zunächst einmal die Schüler gebracht: „Die fühlten sich als Versuchskaninchen und wollten lieber bei den erprobten  Leistungskursen bleiben“, so Rammé. Für den 31jährigen ist das neue, unverbrauchte Profilsystem dagegen eine Chance, gemeinsam zu gestalten, auszuprobieren und miteinander zu lernen. „Noch nie konnten wir so viele eigene Ideen im Unterricht unterbringen wie jetzt.“

Allerdings sei das auch eine Herausforderung an die Lehrerrolle, die sich vom Wissensvermittler zum Lernbegleiter wandelt. Das ist mit Umdenken und Arbeitsaufwand verbunden: Jörn Krönert hat eigens ein Praktikum bei Blohm + Voss absolviert, um die maritime Praxis zu begreifen. Dabei musste der Physiklehrer feststellen, dass sein Boot zwar wasser-, aber nicht profiltauglich ist: „Das Modell ist 80 Zentimeter groß und das kriegt man mit den Materialien auch nicht viel kleiner hin. Der Strömungskanal der TU Hamburg-Harburg lässt aber nur 50 Zentimeter zu.“

Also müssen die Fachleute und Auszubildenden von ThyssenKrupp Marine Systems und deren Tochterfirma Blohm + Voss noch einmal ran, andere Materialien und andere Techniken probieren, die sie dann im vierten Semester an die Profilschüler weitergeben. „Das ist übrigens auch für die Auszubildenden eine gute Übung, denn sie müssen ihre Arbeit erklären und vermitteln“, so Krönert. Dann sind die Oberstufenschüler dran: Jeder baut sein eigenes Modell, das im Strömungskanal der TU eine erste Bewährungsprobe und Rückmeldung bekommt.

Anschließend können die Boote noch einmal optimiert werden, bevor es zum „großen Finale“, dem Abschlussrennen um das schnellste und wendigste Modell geht. Der Wettbewerb soll am liebsten in einer großen schönen Schwimmhalle stattfinden – allerdings muss Jörn Krönert noch das Bäderland Hamburg von seinen Plänen überzeugen. Über die vermeintliche Schlagzeile „Profilabitur geht baden“ kann der engagierte Lehrer nur müde lächeln und kontert: „Emil-Krause-Physikprofil schwimmt obenauf.“

Beiträge

Jörn Krönert
10. Juni 2010

Interview mit Jörn Krönert, Lehrer für Physik und Chemie am Emil-Krause-Gymnasium.

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